Geld und Ruhm – die Exzellenzinitiative, ihre Nebenwirkungen und Gegenmaßnahmen

„Es wird nicht wissenschaftliches Arbeiten belohnt, sondern die Kunst Anträge zu stellen.“ Jörg Baberowski, Historiker an der Humboldt Uni Berlin über die Exzellenzinitiative.

Die im Sommer 2005 gestartete Exzellenzinitiative von Bund und Ländern löst die Probleme der Hochschulen nicht. Im Gegenteil. Eine Studie der Stiftung „Neue Verantwortung“ zeigt: sie hat einschneidende Nebenwirkungen. Sie hat nicht nur den Begriff „Elite“ wieder salonfähig gemacht, sondern fördert die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems. In Forschung und Lehre droht die Spaltung in „die da oben“ (Elite) und „die da unten“ (Unterschicht). Zeit über Gegenmaßnahmen nachzudenken.


Risiken und Nebenwirkungen
Die ungelösten Probleme, unter denen das deutsche Hochschulwesen leidet, sind Legion (Süddeutsche: Geld für die Professoren – Frust für die Studenten): es ist schlecht finanziert, es gibt zu wenige Studienplätze und fehlende Hörsäle. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse mehren sich. Haushaltsdefizite zwingen die Hochschulleitungen Personal abzubauen. Vielerorts wird in Unibibliotheken über Literaturbeschaffungsstopp nachgedacht. Denk- und Freiräume, ja ganze Studiengänge, verschwinden. Viele Studierende finden in den Hochschulstädten keine Wohnung, die Nebenkosten steigen, viele – vor allem ausländische Studierende – stecken in finanzieller Not und werden in fragwürdigen Beschäftigungsverhältnissen ausgebeutet. Zu hoher Leistungsdruck führt zu einer wachsenden Zahl von Fälle von Burnout-Syndromen und Panikattacken. Diese Liste ist genauso unvollständig wie schon lange bekannt. Nicht selten tragen politische Maßnahmen nicht zur Lösung der Probleme bei, sondern verschlimmern sie.

Die von Bund und Ländern aufgelegte Exzellenzinitiative ist für einen solchen Fall von „Verschlimmbesserung“ ein Paradebeispiel. 4,6 Milliarden Euro wurden für „Spitzenforschung“ bereitgestellt. Die Politik baut darauf, dass sich Fachbereiche vernetzen, die deutschen Hochschulen international konkurrenzfähig werden, eine neue Dynamik entsteht und Forscherinnen und Forscher, die sich vorher fremd waren, interdisziplinär zusammenarbeiten. Man kann sich darüber freuen, dass die Exzellenzinitiative Studis die Chance auf eine wissenschaftliche Karriere eröffnet; und ja, auch die Forschung hat größere Aufmerksamkeit verdient und muss – ihr gesellschaftlicher Rang ist unbestritten – ausreichend finanziert werden. Doch das allein ist zu wenig, unbefriedigend und geht an den Problemen, die hunderttausende Studierende in Deutschland betreffen, vorbei.
In der zweiten Runde der Exzellenzinitiative sollen bis Ende 2017 2,7 Milliarden Euro ausgeschüttet werden. Insgesamt sollen 45 Graduiertenschulen und 43 Exzellenzcluster davon profitieren. Elf Hochschulen haben dank ihrer vorgestellten Zukunftspläne den Titel Elitehochschulen erhalten. Insgesamt wurden 39 Universitäten ausgezeichnet. „Die restlichen 60 Universitäten in Deutschland sind dagegen leer ausgegangen“, schreibt studis-online. „Dazu kommen knapp 300 Fach-, Kunst- und Verwaltungshochschulen, die in die Röhre gucken (…) Sie durften bei der Exzellenzinitiative gar nicht erst mitmachen.“ Auch bei der Verteilung der Mittel gibt es eine Schieflage: „Nur vier von den 27 jetzt ins Finale gelangten Clustern kommen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, bei den bereits geförderten 37 Clustern sind es sechs. Dabei kamen aus diesen Gebieten so viele Anträge wie aus den Natur- und Technikwissenschaften“, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Die Exzellenzinitiative greift empfindlich in die Ökologie der Hochschullandschaft ein. Schon beginnen Hochschulen eine Personalpolitik zu verfolgen, die an Transaktionen von reichen Fußballvereinen erinnert. Der Arbeitsmarkt wird zum Transfermarkt und talentierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wechseln den Verein. Hochschulen, die keine Mittel aus der Exzellenzinitiative erhielten, wird so das Personal abgeworben. Die Folge: Qualifiziertes Personal wird anstatt neu geschaffen, umgeschichtet und an wenigen ausgewählten Orten konzentriert. Vor allem kleine Hochschulen gehören zu den Verliererinnen. Starke Forschungsstandorte und Unis werden zu lasten der Schwachen stärker. Oder wie studis-online schreibt: „Geld und Ruhm generieren Geld und Ruhm.“

Demografie- und Homogenitätsfalle
Doch nicht nur die Forschung ist betroffen, die Exzellenzinitiative, sowie die mediale Berichterstattung, beeinflusst, wie Studierende die Hochschulen in Deutschland wahrnehmen. Klassische Kriterien von Erstsemesterinnen und Erstsemestern bei der Wahl der Hochschulen sind das fachliche Interesse und die Nähe zum Heimatort. Doch laut einer Studie der Stiftung „Neue Verantwortung“ streben zunehmend AbiturientInnen und StipendiatInnen aus akademischem Elternhaus danach, an Hochschulen zu studieren, die im Wettbewerb um die Exzellenz erfolgreich waren. Bei den Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern hingegen sei an den „Elitehochschulen“ ein Rückgang zu beobachten. Ein Grund dafür, so schätzen Bildungsexpertinnen und Bildungsexperten, könnte ein „Selbstselektionsprozess“ sein, da SchulabsolventInnen aus Elternhäusern ohne akademischen Hintergrund „ein tendenziell geringeres Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten besitzen und deshalb vor einem Studium an einer Exzellenzuniversität zurückschrecken.“ Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und dem damit einhergehenden Rückgang der Studierendenzahlen („Demografiefalle“), drohe deshalb zusätzlich eine „Homogenitätsfalle“, d. h. dass sich an deutschen Hochschulen eine kleine Elite an den Exzellenzunis abschottet, was – finanziert aus öffentlichen Mitteln – den systematischen Ausschluss von Begabten aus wirtschaftlich leistungsschwachen Milieus zur Folge hätte.

Vielfalt als Chance
Es geht also nicht nur darum, bestehenden Probleme zu lösen, sondern es nicht noch schlimmer zu machen. Es lohnt sich, den Blick schweifen zu lassen und zu schauen, wie andere Hochschulen auf die Problemlagen eingehen. Dabei stößt man unter anderem auf das „Secondos-Programm“ der Universität Regensburg. „Das Konzept ist schnell erklärt: Die Teilnehmer können sich in jedem beliebigen Studienfach einschreiben, parallel zum normalen Programm erhalten sie spezielle Landeskunde- und Sprachkurse, im Mittelpunkt stehen das Lesen und Schreiben in der Muttersprache. Im zweiten Studienjahr setzen die Studierenden ihr Studium im Heimatland ihrer Eltern oder Großeltern fort und bekommen ein Praktikum in einem Unternehmen vermittelt. Für das letzte Jahr kehren sie nach Deutschland zurück und erhalten neben dem deutschen Bachelorabschluss auch den Abschluss der Regensburger Partneruniversität.“ So wird eine Stärke was im deutschen Bildungssystem normalerweise eine große Schwäche ist: ein Migrationshintergrund. So werden Kinder deren Vorfahren in Deutschland eingewandert sind, zu einem Studium ermutigt und vorhandene Potentiale geweckt.
Ein anderes Beispiel wie man mit der Verschiedenheit der Menschen und deren Bedürfnisse eingehen kann, zeigt die Universität Duisburg-Essen. Auf Initiative des Rektorats und auf Beschluss des Senats schon 2008 ein Prorektorat und ein Jahr darauf eine Kommission für „Diversity Management“ eingerichtet. Dazu heißt es auf der UdE-Homepage, wo auch in 10 Schritten beschrieben ist, wie ein entsprechendes Prorektorat eingerichtet werden kann: „Diversity Management (DiM) an Hochschulen nimmt die Vielfalt aller heutigen und zukünftigen Studierenden und der wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen MitarbeiterInnen in den Blick. (…) DiM als Ansatz verfolgt gleichzeitig ebenfalls die gesellschaftlichen und sozialpolitischen Ziele und Anforderungen seitens der Europäischen Union (u.a. Bologna Prozess) aber auch der Bundes- und Landespolitik, „Bildung für Alle“ zu ermöglichen. Neben der ökonomischen Betrachtungsweise kann DiM eben auch als umfassender Ansatz zur „Öffnung der Hochschulen für alle Menschen“.
Nach Auskunft der Prorektorin für Diversity Management, Ute Klammer, ist dem Prorektorat eine Referentenstelle, eine Ombudsstelle und eine Stelle für behinderte und chronisch erkrankte Studierende zugeordnet. Auch das Gleichstellungsbüro der UdE und weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in die Arbeit involviert. Jährlich organisiert das DiM Sensibilisierungs- und Schulungsprogramme. Aus einem eigens geschaffenen Topf stehen 200.000 Euro Budget für die Organisation von Veranstaltungen (zu Migrations-, Integrations- und Inklusionsfragen) zur Verfügung. Im Gegenzug konnte das Prorektorat inzwischen 5 Millionen Euro an Drittmitteln einwerben. Das DiM erarbeitet ein Diversity-Konzept, bündelt Aktivitäten und entwickelt Instrumente, um die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Prorektorat und Kommission haben nicht nur die Aufgabe die Diversity-Forschung anzuwenden und voranzutreiben; es bieten auch eine Anlauf- und Beratungsstellen für Betroffene an.

In „Leitlinien der Universität“ bekennt sich die UDE zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Bildungseinrichtung. Darin heißt es: „Wir betrachten die Heterogenität unserer Studierenden und MitarbeiterInnen als Chance und fördern die produktive Vielfalt durch Maßnahmen des Diversity Managements. Diversität wird sowohl als Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit als auch zur Exzellenz verstanden. Die Geschlechtergerechtigkeit ist hierbei ein integraler Bestandteil.“ Die UDE bietet ein eigenes Mentoring-Programm und „Orientierungstage“ für ausländische Studierende und Studentinnen an. Sie arbeitet mit den WohnheimtutorInnen zusammen und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das ehrenamtliche Engagement ihrer Studierenden zu fördern und in die Lehre zu integrieren, etc, etc. Sie ist nicht nur Mitglied in dem Hochschulnetzwerk „Bildung durch Verantwortung“, sondern hat als eine der ersten deutschen Hochschulen, die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet. Die Stadt Münster gehört bereits zu den Unterzeichnerinnen. Die Uni Münster ist leider noch nicht dabei.

Es lohnt also, sich mal umzuschauen. Natürlich würden durch ein DiM und ein Programm für Kinder mit Migrationshintergrund nicht alle Sorgen und Probleme in Rauch aufgehen lassen, aber es wäre ein Beitrag zu einer besseren und bunteren Universität Münster.

Diversity-Portal der UdE
www.uni-due.de

Link zur Beschreibung des „Secondos-Programms“
http://www.uni-regensburg.de/europaeum/studium/secondos/index.html

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